Die Mauern der Trennung konnten den Himmel nicht erreichen

Von links nach rechts: Späte Dr. Emilio Castro, Jean Fischer und Dr. Soritua Nababan bei der Zeremonie anlässlich der Enthüllung der Berliner Mauer an die KEK, Genf, 1991. Foto: Peter Williams/ÖRK


„Uns wurde bewusst, dass Versöhnung eine Gabe Gottes ist, nach der wir mit Ausdauer und Demut streben müssen, damit sie uns in unseren Beziehungen mit dem Anderen befreit.“ Zum 30. Jahrestag des Falles der Berliner Mauer gibt Jean Fischer, ehemaliger Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, die folgenden Gedanken weiter. Fischer kommt aus der Schweiz. Von 1987 bis 1997 war er Generalsekretär der KEK.

Vor dreißig Jahren überraschte am 9. November 1989 die Nachricht über den Fall der Berliner Mauer die Welt. Es waren gute Neuigkeiten; hoffnungsvolle und unglaubliche Nachrichten, auch wenn sie bereits lange ersehnt worden waren. Der Fall der Mauer brachte die Mengen zum Jubeln und zum Feiern der Wiedervereinigung, des Sieges und der Freiheit.

Durch die Ereignisse, die dem Mauerfall vorausgingen, wurde die europäische Landschaft völlig verändert.

Während Jahrzehnten hatten die Kirchen für die Öffnung der Grenzen und den Respekt der Menschenrechte gebetet und gearbeitet. Deshalb war dies für die Kirchen in Europa der richtige Zeitpunkt, noch enger mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zusammenzuarbeiten, um die 1975 in der Schlussakte von Helsinki festgehaltenen Ziele zu erreichen und das Wiener Dokument von 1989 für einen anhaltenden Frieden und Zusammenarbeit anstelle von Trennung auszuarbeiten.

Damals erkannten wir, dass ein neues Europa im Entstehen war. Vor unseren Augen tauchten täglich neue Elemente auf, manchmal positive und willkommene, manchmal aber auch beunruhigende und bedrohende. Die bedenklichen Elemente umfassten den Aufstieg des Nationalismus, Rachedurst, Euphorie für politische, wirtschaftliche und gar religiöse Kräfte, die danach strebten, das durch den Wandel entstandene Vakuum auszunutzen, um neue Macht- und Dominanzpositionen zu errichten.

In diesem neuen Europa mit seinen immer noch vagen Charakterzügen konnten wir bereits die Schreie der zukünftigen Opfer von Arbeitslosigkeit hören sowie der Menschen, die von den Gesetzen der Marktwirtschaft zurückgelassen werden, in einem System, in dem der Stärkste den Schwächsten dominiert. Die Situation war eine Quelle der Hoffnung, gleichzeitig aber auch eine komplexe Herausforderung.

Als die Mauer fiel, hatten wir eine Vision eines „gemeinsamen europäischen Hauses“. Ein Haus, mit einigen verwahrlosten sowie mit einigen luxuriösen Regionen. Ein offenes Haus, ein einladender und gastfreundlicher Hafen ohne Diskriminierung. Ein Haus, in dem niemand Angst hat, die Wahrheit auszusprechen, und in dem das tägliche Brot gerecht geteilt wird. Ein Haus, in dem Dialog vorherrscht und nicht Gewalt.

Ein Haus, das offen ist für die Welt: weder ein Ghetto noch ein Privatclub, sondern ein Haus, das Solidarität mit den Völkern anderer Kontinente bezeugt, ein gemeinsames Haus, in dem die Kirchen ihre Einheit zeigen können und der Versuchung widerstehen, die Modelle der Vergangenheit zu wiederholen.

Die KEK und die Herausforderung des „neuen Europa“

Wenige Monate später, im März 1990, lud die KEK in Genf zu einer außerordentlichen Konferenz ein mit Kirchenleitenden aus Europa, Vertretenden von KEK-Mitgliedskirchen, des Ökumenischen Rates der Kirchen, des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) sowie anderen ökumenischen Organisationen. Auch wenn das Klima zu dieser Zeit nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs immer noch euphorisch war, bescherten die Wirren im Zusammenhang mit der „Baustelle“ des neuen Europa Sorgen. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime hielt an. Wir hörten bereits das Eis des Kalten Krieges zerbrechen, der das Gegenteil eines harmonischen Frühlings bringen konnte.

Die Teilnehmenden waren überzeugt, dass die Kirchen in Europa danach streben sollten, den Zusammenhalt, die Einheit und die Solidarität, die über all die Jahre hinweg seit 1959 aufgebaut worden waren, erhalten und weiter entwickelt werden sollten. Sie beauftragten die KEK, ein Versöhnungsverfahren zu entwickeln, um Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung zu fördern. In dieser herausfordernden und kritischen Zeit bekräftigten die Teilnehmenden, dass die Kirchen, die ihren Platz in der Gesellschaft gerade wieder fanden, das Recht hatten und die Verantwortung trugen, ethische und moralische Urteile in Bezug auf die neuen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Wirklichkeiten und deren soziale Auswirkungen zu vertreten.

In seiner Eröffnungsrede forderte der damalige KEK-Präsident Patriarch Alexius II. von Moskau die europäischen Kirchen dringend auf, einen „Wandlungsprozess der Versöhnung“ einzuleiten.

Diese äußerst wichtige Forderung führte dazu, dass die KEK und der CCEE eine zweite Ökumenische Europäische Versammlung zum Thema „Versöhnung – Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens“ organisierten. Acht Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer versammelten sich 1997 in Graz über zehntausend Teilnehmende, mehrheitlich aus dem Osten, um das bedeutsame Thema zu diskutieren.

Wir waren uns bewusst, dass Versöhnung eine schwierige Aufgabe war – sie geschieht nicht von selbst. Es war uns auch klar, dass die Kirchen in Bezug auf Versöhnung in der Vergangenheit oft mehrdeutige Positionen vertraten und dies weiterhin tun. Misstrauen und Angst entstellen die Einheit in Christus und halten die befreienden Kräfte davon ab, sich zu äußern. Doch wurde uns bewusst, dass Versöhnung eine Gabe Gottes ist, nach der wir mit Ausdauer und Demut streben müssen, damit sie uns in unseren Beziehungen mit dem „Anderen“ befreit.

Die Aufgabe der Kirchen ist sehr groß. Es gibt immer mehr Spaltungen und Trennungen zwischen und innerhalb von europäischen Ländern, während wir auf Frieden und Gerechtigkeit warten. Die Grausamkeiten des Krieges sind wieder aufgetaucht und die Wunden sind noch lange nicht verheilt.

Auch heute hat sich Europa noch nicht mit sich selbst versöhnt. Andere alte Mauern halten stand, neue Mauern werden gebaut: das Ergebnis von Angst und Unverstand. Diese Mauern bergen die Merkmale der Unmenschlichkeit. Man findet sie auf allen Kontinenten. Wer ist darüber empört? Wer wird sie zerstören?

Ein Stück der Berliner Mauer im Ökumenischen Zentrum

Im Garten des Ökumenischen Zentrums in Genf, auf dem Hügel oberhalb des Palais des Nations, stehen zwei Stücke der Berliner Mauer; eines steht gerade auf, das andere liegt am Boden.

Wenige Tage nach dem 9. November 1989 diskutierten wir während eines Besuchs, auf dem wir dem Präsidenten des Rates der Evangelischen Kirchen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Solidarität ausdrückten, die vielen Themen in Bezug auf die neue Situation. Dazu gehörte auch die Frage, wie die Tonnen von Beton und Schutt der nun nutzlosen Mauer weggeschafft werden sollten.

Am Schluss der Diskussion schlug ich zum Spaß vor, dass ein, zwei Stücke der Mauer für die KEK beiseite gelegt werden sollten. So kam es, dass mich ein Jahr später eines Abends ein Oberst der deutschen Armee zuhause anrief und mir mitteilte, dass die beiden Stücke der Mauer für die KEK nun in Berlin bereitständen und sobald als möglich abgeholt werden sollten. Dies wurde erledigt!

Dieses improvisierte Denkmal hat beim Ökumenischen Zentrum einen Platz gefunden, damit Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt sowie zukünftige Generationen sich an die vielen Opfer dieses schrecklichen Symbols des Kalten Kriegs und des Eisernen Vorhangs erinnern können. Das Stück Mauer steht dort, damit wir alle daran erinnert werden, dass die Mauern der Trennung den Himmel nicht erreichen konnten.

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